13.06.2024

Meine späte Phase als Kiffer überschnitt sich mit den Anfängen des "Lanz & Precht"-Podcasts. Die Welt war noch mit einem Bein im Corona-Lockdown und Precht war mir noch als prominentester Verfechter des "bedingungslosen Grundeinkommens" im Ohr, als meinungsstarker Scharlatan, als manchmal sympathischer Hochstapler, als professioneller Dummschwätzer, manchmal aber auch als selbstgefälliges Schlitzohr. Seine aalglatte Oberfläche hat er gelernt, mit einer ehrlichen Liebenswürdigkeit einzureiben. Das ist wichtig, um beim Kiffen keine Panikattacke zu bekommen.

Wenn RDP redet, geht es immer um die ganz großen Themen. Papa Precht kümmert sich und nimmt einem die Sorgen ab. Kriege, Menschheit, Wirtschaft. Der Westen. China. Künstliche Intelligenz. Rechtsruck. Europa. Sprunghaft. RDP kennt alle Narrative in- und auswendig und bietet seinen Blick aus der Vogelperspektive an. Akademische Bauernschläue, von sich selbst besoffen, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Sachlich und einigermaßen eloquent, trotzdem leicht verdaulich in für alle verständlicher Sprache. Manchmal populistisch eingefärbt, aber nie und nimmer hysterisch. Zu "Lanz & Precht" konnte ich immer gut im halbwachen Stoner-Modus wegdösen.

Richard David Precht ist kein Philosoph. Jeder Philosophie-Student im ersten Semester weiß das. Es ist komplett überflüssig, das zu betonen - sollte man meinen. RDP wird in allen traditionellen Medien unerklärlicherweise noch immer als Philosoph vorgestellt. RDP ist in Wahrheit ein alter eitler Kaffeeonkel, der zu allem immer eine Meinung und eine Haltung hat, die er als besser durchdacht verkauft, als die der anderen, auch wenn sie sich meist nur unwesentlich abgrenzt von dem, was alle sagen. Zwischendurch erwähnt er nach etwa einer halben Stunde einen großen Philosophen, den man aus dem Ethik-Unterricht kennt. Das sind dann meistens ein, zwei Sätze, denen dann wieder seine Meinung zu einem Thema folgt. Menschen, meistens oder wahrscheinlich immer sind es Männer, die seiner Meinung sind, fühlen sich von ihm bestätigt und halten ihn dann wegen seines Images für einen großen Philosophen. RDP sei ein brillanter Mann, hört man sie rufen.

Manchmal eckt RDP tatsächlich an, wenn er sich mal doch zu weit aus dem Fenster lehnt, aber er schlingert immer wieder auf den rechten Pfad zurück. Es ist beeindruckend, wie er seine Zuhörer an sich bindet. Seine Stimme ist angenehm und beruhigend. Tatsächlich höre ich ihm sehr gerne zu. Manchmal, wenn ich Lust darauf habe. RDP ist sehr präsent in den Medien, sein neuster Take lässt nie lange auf sich warten, trotzdem ist es erstaunlich einfach, ihm aus dem Weg zu gehen, wenn man keine Lust auf ihn hat. Damit ist er in meiner Wahrnehmung ziemlich einzigartig.

RDP ist ein bisschen wie Chat-GPT. Ich glaube, er weiß selbst erst während seinen Antworten auf die Fragen, die ihm in Interviews gestellt werden, wie diese ausfallen werden. RDP ist eine Gedanken-Vervollständigungsmaschine. RDP ist berechenbar. RDP wird auch in zehn Jahren noch diese Frisur tragen. RDP wird sich auch in zwanzig Jahren noch nicht ins Aus geschossen haben und weiter Bestseller am Fließband verkaufen. Sein oder nicht sein beantwortet RDPs Erfolg eindeutig mit: ja.

RDP wird sicherlich noch viel Material für die ganz späten Kifferabende in lauen deutschen Sommernächten aufnehmen. Domian sendet ja nicht mehr. RDP aber rettet verlässlich die Welt, auf Knopfdruck. Die Legalisierung von Cannabis wird der Karriere von RDP sicher gut tun.


12.06.2024